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Malthus in Somalia



Eine junge Frau erreicht erschöpft mit ihren acht Kindern das kenianische Lager Dadaab, das größte Flüchtlingslager der Welt; den kranken Mann hat sie daheim seinem Schicksal űberlassen. Hungerflűchtlinge.

Man sagt, dass die Klimaerwärmung die Dűrreperioden in Ostafrika verschärft und sie sich häufiger als frűher einstellen. Eine Behauptung, die stimmen mag oder nicht. Jedenfalls lastet sie die Schuld fűr das Geschehen den Industrieländern an, die ja bekanntlich die wichtigsten Klimaschädlinge sind.

Wenn die Dűrre wűtet und Mensch und Tier hungern und verdursten, leugnen die Machthaber Ostafrikas gerne die Not. Sie wehren Hilfe von aussen ab und erklären, sie wűrden mit dem Problem schon alleine fertig werden. So tat es Kaiser Haile Selassie von Äthiopien, so tat es sein sozialistischer Nachfolger Mengistu Haile Mariam, und so tun es heute die As-Shahab Milizen im Sűden Somalias.

Warum so grausam? Machtpolitische Kalkűle werden vom Ausland entweder nicht erkannt oder nicht akzeptiert. Die grässlichen Hungersnöte von 1984/85 im Awash-Gebiet Ostäthiopiens kamen den jeweiligen Herren in der Hauptstadt nicht ungelegen, denn sie dezimierten die traditionell aufsässigen Nomadenstämme der Afar und Issa in der Danakil-Senke. Als 1986 die Hungersnot auch das von den staatstragenden Stämmen der Amharen und Tigrinya besiedelte nördliche Hochland erreichte, nutzte der Diktator Mengistu das Geschehen, um 600.000 Bauernfamilien aus dem Hochland in Erschliessungsprojekte im Malaria-verseuchten Tiefland umzusiedeln

Ich stand am Flugplatz von Addis Abeba, als die Umsiedlermaschinen zwischenlandeten. Heckklappen der grossen Frachtfugzeuge öffneten sich. Hunderte Menschen, die den Flug im leeren Frachtraum stehend zugebracht hatten, strömten noch benommen heraus, eine Menschenflut in lehmgelben Lumpen: Männer, Frauen, Kinder. Während sie zu einem Hangar wanderten, spritzte das Personal mit einem Löschschlauch das Innere des Frachtraums sauber, und eine Flut von Exkrementen ergoss sich aufs Flugfeld, Zeugnis der Angst, die diese Menschen durchgemacht hatten.

Das Umsiedlungsprogramm von Mengistu, finanziert durch Entwicklungshilfe, scheiterte an der Malaria, an anderen Gefahren des Tieflands, und am Heimweh der Zwangsumgesiedelten, die heimlich wieder den langen Weg heim in die Berge suchten.

Auch die Hungersnot in Somalia hat ihre demografischen und politischen Aspekte. Im Sűden Somalias bekriegen sich traditionell die sesshaften Digil und die nomadischen Mirifle, die von der Dűrre am härtesten betroffen sind.

Niemand weiss, wie hoch die Wachstumsrate der Bevölkerung in Somalia ist. Es gibt keine Regierung und daher weder eine richtige, noch eine gefälschte Statistik. Man kann nur Nachbarländer zum Vergleich heranziehen, und daraus lässt sich abschätzen, dass die Bevölkerung Somalias um drei bis vier Prozent pro Jahr wächst.

Seit die letzte Regierung von Siad Barre 1991 stűrzte, hat sich die Bevölkerung vermutlich verdoppelt. In derselben Zeit ist die Wirtschaft jedoch nicht gewachsen, eher wegen Gesetzlosigkeit und Gewalt geschrumpft. Unter diesen Umständen wird eine normale Dűrre, wie sie das Land periodisch heimsucht, zur Katastrophe. Auf dem ausgelaugten, űberweideten Boden bleibt den Menschen, vor allem den Hirten, nur eine Möglichkeit: die Flucht. Doch wohin? Auch die Nachbarstaaten leiden unter Trockenheit und Hunger. Millionen warten auf Hilfe von aussen.

Der Verkauf der zum Skelett abgemagerten Tiere bringt wenig, denn die Fleisch- und Häutepreise sind durch das Űberangebot eingebrochen. Die Menschen fliehen nach Norden, in Richtung auf die űberfűllte Hauptstadt Mogadishu, nach Westen in die äthiopische Provinz Ogaden oder nach Sűden ins benachbarte Kenia. Sie stehen am Wegesrand und bieten ihre letzte Habe zum Verkauf an: die Frauen ihren Silberschmuck, die Männer ihre Hackmesser und Dolche.

Nirgends sind sie willkommen. In und um Mogadishu wird gekämpft. Bewaffnete Milizen und Banden versuchen, die Hilfsgűter zu beschlagnahmen oder zu rauben. Die Äthiopier haben im Ogaden schon genug Ärger mit ihren eigenen ethnischen Somalis, die seit Jahrzehnten einen kleinen Partisanenkrieg gegen die Zentralregierung fűhren. Somalische Flűchtlinge könnten das Problem nur verschärfen und sind daher unwillkommen, obwohl die lokalen Somalis ihren Stammesbrűdern von jenseits der Grenze helfen wűrden.

Kenia mag die Somalis auch nicht. Im Nordosten des Landes lebt eine starke somalische Minderheit, mit der es traditionell Ärger gibt. Űberlandverkehr ist im Nordosten stets gefährlich wegen der somalischen Banden, shifta genannt, Räubern, die sich ihren Lebensunterhalt durch Wegelagerei sichern.

Kein Wunder, dass sich die Regierung in Nairobi gegen den Zustrom von Hungerflűchtlingen stemmt, weil sie Angst hat, dass die Somalis bleiben wollen und das shifta-Problem verschärfen werden. Die Lager werden scharf bewacht, damit sich die Hunderttausende Flűchtlinge nicht ins Land ergiessen können.

In der Tat: wohin sollen die Flűchtlinge zurűckkehren: in das űbervölkerte, dűrregeschädigte Land, in dem grausame, kriminelle Milizen herrschen? Die Ehrlichkeit erfordert, die Dűrreflűchtlinge als das zu begreifen, was sie in Wirklichkeit sind: Menschenűberschuss, den Somalia exportiert hat, und den niemand haben will.

Es reicht nicht, Hungerlager einzurichten und Erdnusspaste zu verteilen. Man muss Orte finden, an denen sich diese Menschen ansiedeln können, Arbeit finden und lernen, was Gesetze sind. Denn ein Menschenalter der Gesetzlosigkeit und Gewalt hat die Somalis zwar Űberlebensqualitäten gelehrt, nicht aber staatsbűrgerliche Gesinnung.

Wohin also mit den Somalis? Nach Mecklenburg-Vorpommern vielleicht, oder in andere entvölkerte Gegenden? Wenn nicht bald entsprechende Möglichkeiten gefunden werden, werden Kenia und Äthiopien, sobald die Dűrre geendet hat, die Somalis – so sie sie fangen können— mit Gewalt an die Grenze zurűckbringen, wo die Repatriierten voraussichtlich ausgeraubt und in Elend und Hunger versinken werden, denn ihren Platz in der Heimat haben längst Andere eingenommen.

Nach heftigen Regenfällen in Mogadishu ist nun der grosse Regen auch im Sűden, zwischen Kismayu in Somalia und Lamu in Kenia, eingetreten. Die Dűrre ist mit der Ankunft des Monsuns zwar beendet, doch nicht die Not. Es wird Wochen dauern, bis wieder etwas wächst. Doch den Flűchtlingen, die ihr Vieh und ihre Habe verloren haben, wird auch das nicht helfen.

Hässliches Ende einer von der internationalen Hilfsgemeinde mit viel Enthusiasmus gestarteten Rettungskampagne.

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—— Heinrich von Loesch